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Leben fühlen! „Natürlich“ verstehen!
Warum ein Blick in einen Komposthaufen uns lehrt, die großen Zusammenhänge der Welt zu sehen.
Glaube mir, denn ich habe es erfahren,
du wirst mehr in den Wäldern finden
als in den Büchern.
Bäume und Steine
werden dich lehren, was du von keinem Lehrmeister hörst.
Bernhard von Clerveaux
Wann haben Sie sich das letzte Mal ins Moos geschmiegt und seinen intensiven Duft wahrgenommen? Erinnern Sie sich an das Gefühl, wenn warmer Lehm zwischen den nackten Zehen hervorquillt? Oder eine Schnecke auf der Haut eine im Sonnenlicht glitzernde Schleimspur hinterlässt?
Diese Erfahrungen, ja die Ganzheit des Lebens, geht uns zivilisierten Menschen leider immer mehr verloren. Unsere technisierte, zweckgerichtete Welt führt oft zu einem Mangel an Berührung mit dem Lebendigen. Multimediale Überflutung, Verkopfung und Vernetzung entfremden uns der sinnlichen Wahrnehmung der Natur und berauben uns solcher originärer Erlebnisse.
Der Flügelschlag eines Schmetterlings in der Toskana, der in der Karibik einen Sturm bedingt, ist ein bekanntes Beispiel für die Vernetzung und ihre Folgen. Spätestens seit der weltweiten Finanzkrise wissen wir, dass einzelne Teile unserer Umwelt (und unseres Handelns) untrennbar miteinander zusammenhängen. Jeder einzelne von uns kann „dieser Schmetterling“ sein. Warum agieren wir also ohne über den globalen Tellerrand zu schauen? Vielleicht, weil wir es meist nicht von Anfang an lernen, systematisch in großen Zusammenhängen zu sehen, zu denken und zu handeln.
Diese Sichtweise hängt eng damit zusammen, warum an unserer Schule von der 5. – 8. Klasse ganzjährig „Praktische Naturkunde“ angeboten wird. Im Mittelpunkt dieses Faches steht die Pflege des Lebendigen, das Nachdenken über das Verhältnis von Mensch und Natur, die ökologische Vernetzung und die Notwendigkeit des nachhaltigen Umgangs mit den elementaren Lebensgrundlagen.
Wir vermitteln und ermöglichen bereits im Kindergarten- und Grundschulalter die Begegnung in und mit der Natur. Fragen wie: „Was haben die Wetterau und der Nordpol gemeinsam?“ oder „Wohin verschwindet das Laub aus dem Herbst“? regen die Phantasie der Kinder an und machen neugierig, die komplexen Lebensnetze unserer Naturräume zu erforschen und globale Zusammenhänge zu erspüren.
Neben der „äußeren Natur“ werden auch der „inneren Natur“ Raum und Zeit gewidmet. Soziales Lernen im „Raum ohne Grenzen“ nimmt einen ebenfalls großen Stellenwert ein. Anleitung zur Selbsttätigkeit wird genauso gefördert wie Kommunikations- und Teamfähigkeit in der Arbeit in kleinen Forschergruppen.
In der fünften Klasse lernen die Schüler das Schulgelände und die nähere Umgebung besser kennen: Wahrnehmend-sinnlich, spielerisch, die Umwelt erforschend, meditativ oder künstlerisch-kreativ erkunden sie die heimische Fauna und Flora. Dabei werden die Bedeutung und Schutzwürdigkeit unserer Lebensgrundlagen (Wasser, Boden, Luft und Feuer) ebenso erfahren wie das Zusammenspiel der Elemente und deren Gegenwärtigkeit in unserem Alltag.
In der 6. Klasse lernen die Kinder intensiver und sinnlicher den Zusammenhang zwischen dem Lebensplaneten und unserem eingefriedeten Schulgarten zu verstehen: Dabei wird nicht nur das Geheimnis der Verwandlung von Stoffen im Komposthaufen gelüftet. Die Schüler führen auch all die Arbeiten selbstständig aus, die sich im Jahresverlauf ergeben, bearbeiten den Boden, kompostieren, säen, pikieren, pflanzen, ernten – und verarbeiten die sorgfältig geernteten Produkte in der schuleigenen Küche unter fachkundiger Anleitung zu schmackhaften Speisen. Mit diesem Projekt „Vom Samen zum Teller“ machen wir eine Wertschöpfungskette sicht- und erlebbar, die so heute nicht mehr jedem zugänglich ist.
In der siebten Klasse wird das Entstehen der Pflanzen aus Blatt und Stängel intensiver verfolgt. Das Miterleben und –verfolgen dieser Metamorphosen bildet die Fähigkeit noch stärker aus, jegliche Veränderungsprozesse im Leben wahrzunehmen und zu betrachten.
In der achten Klasse kommen auch schwerere Gartenwerkzeuge zum Einsatz. In dieser Phase wird der Willen intensiv angesprochen und geschult, ja gewissermaßen eine praktische Handlungsintelligenz angelegt. Die Schüler wissen mittlerweile intuitiv, ihre Hände zu gebrauchen. In dieser Klasse werden Stauden und mehrjährige Blumen behandelt. Sie dürfen sich ganz als Künstler und Gestalter fühlen; der Garten als Kulturraum wird in seiner Fülle, Schönheit und seinem Sinn sichtbar. Die Gartenzeit der achten Klasse wird durch einen Gehölzkunde- und Baumschnittkurs abgerundet.
In der neunten Klasse werden die Kenntnisse in einem dreiwöchigen Landwirtschaftspraktikum vertieft und auf einer praktischen professionellen Ebene erweitert. Für viele Schüler ist die Arbeit auf einem Bauernhof eine besondere Erfahrung in ihrer Waldorfschulzeit.
So entwickeln die Schüler im Lauf der Jahre u.a. ihr Beobachtungsvermögen an Naturphänomenen, lernen Zusammenhänge erkennen und üben Sorgfalt, Ausdauer und Geduld. Das positiv Erlebte kann so zu einem veränderten Alltagsverhalten in Bezug auf einen umweltverträglicheren und bewussteren Umgang mit unseren endlichen Ressourcen führen und Achtung für alles Lebendige – inklusive sich selbst – schaffen.
Das Vertrauen, ein Teil der Natur zu sein, überträgt sich auf unsere Kinder, die sich im Einklang mit den Rhythmen der Natur und den natürlichen Lebensprozessen individuell entwickeln können. Es geht um das Leben in und mit der Natur: als Austausch von innen und außen, um die Möglichkeit, sich als Mensch ganz und heil zu erleben, um das Entwickeln unserer Sinne, um bewusste Wahrnehmung der Prozesse, um sprachliche Erfassung unserer Erlebnisse, um schöpferische Gestaltung, um die Erhaltung unserer Gesundheit, um die Pflege des Lebendigen – kurz: um die Ganzheit des Lebens. Wir sehen in den Spiegel der Natur und sehen: UNS
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